Porträt Arthur Heilmann

01.01.1998

Neujahr/Neubeginn

von Arthur Heilmann

Die Sonntagspredigt vom 1. Januar 1998

Arthur Heilmann (Theologe):

    Neujahr/Neubeginn
     
          Und zieht im nachhinein über all dein Tun
          der Sinn wie zuheilend die Haut über die Wunde
          (Botho Strauß)

    Liebe Freunde,

    Wer von uns kennt sie nicht, die  essentiellen Fragen am Jahresende? Haben wir das Jahr gut bestanden? Haben wir Fehler gemacht, und wenn, waren sie gravierend oder gar unverzeihlich? Haben wir erreicht was wir wollten in diesem Jahr? Oder gab es einen Fehlschlag nach dem anderen? Sind unsere Beziehungen gescheitert? Haben wir beruflich versagt? Ist unsere finanzielle Situation eine verheerende? Gerade zum Jahresende fällt es uns oft schwer, uns von diesen belastenden Gedanken und Zweifeln zu befreien. Einiges hätten wir gerne besser gemacht in diesem Jahr, anderes lieber unterlassen. Unsere Vorsätze waren positiv und aufmerksam gewesen, wir hatten das Allerbeste im Sinn und es ist uns nicht ganz gelungen. Manchmal zweifeln wir sogar, ob uns jemals irgendetwas in unserem Leben gelungen ist, etwas das wir vorzeigen können, auf das wir stolz sind. Und dann überfällt uns genau zu dieser Zeit, in der andere ihre Erfolge feiern und ihr Glück bejubeln, eine Silvesterdepression, die uns nicht gefällt, aber der wir uns ausgeliefert fühlen. Noch dazu will man die anderen nicht nerven und wirklich, niemand hat eigentlich Lust  sich die Jammerei anzuhören. Nur wir selbst wissen, wie schlimm es um uns steht, wie schlecht wir dastehen vor uns selbst, da wir anscheinend unfähig waren unsere guten Vorsätze in die Tat umzusetzen.
    Was würden wir uns hier wünschen von jemandem, der wirklich unser Freund ist? Daß er uns den Arm um die Schulter legt und sagt - alles ist o.k. - Gott liebt dich, so wie er alle Sünder liebt - Ja, das ist schön, hier sind wir geborgen, aber  reicht uns das wirklich? Möchten wir nicht selber etwas tun, aktiv, um unser Leben positiver, freudiger und für uns sinnvoller zu machen? Laßt uns mit einer einfachen Übung beginnen. Wir hatten gerade sehr viel Aufmerksamkeit auf der negativen Seite. Laßt uns einmal alle positiven Erlebnisse, Taten und Begegnungen dieses Jahres aufzählen. Was verändert sich dadurch? Wie fühlen wir uns jetzt?  Wenn wir den Focus unserer Aufmerksamkeit verschieben, werden wir eine Veränderung erleben. Etwas Neues hält Einzug, das neue Jahr kann beginnen. Wir sind bereit uns vom Alten zu lösen, von alten Bewertungen zu verabschieden, und das Neue, das, was wir erleben wollen, zu begrüßen.
     

            Spät im Jahre

            Spät im Jahre, tief im Schweigen
            dem, der ganz sich selbst gehört,
            werden Blicke niedersteigen,
            neue Blicke unzerstört.

            Keiner trug an deinen Losen,
            keiner frug, ob es gerät -,
            Saum von Wunden, Saum von Rosen -,
            weite Blicke, sommerspät.

            Dich verstreut und dich gebunden,
            dich verhüllt und dich entblößt -,
            Saum von Rosen, Saum von Wunden -,
            letzte Blicke, selbsterlöst.
            (Gottfried Benn)