Porträt Arthur Heilmann

01.04.2001

An die Ungläubigen

von Arthur Heilmann

Die Sonntagspredigt vom 1. April 2001

Arthur Heilmann (Theologe):

    An die Ungläubigen
     
          (losing my religion) -
          R.E.M
    Liebe Freunde,

    Als ich begann, für diese Web-Seite zu schreiben, fragte ich mich, für wen ich eigentlich schreiben will. Pfarrer und Kirchen gibt es viele, und jeder Gläubige holt sich seine Antworten, seinen Trost, und seinen Segen, wo er/sie es für richtig hält. Aber wie ist es mit den Ungläubigen? Diejenigen, die ihren Glauben verloren haben, oder diejenigen, die noch nie einem Glauben angehörten oder angehören wollten? Für die kein Glaubenssystem passt, und die sich nicht in ein Glaubenssystem hineinpressen lassen wollen? Von anderen nicht, und von sich selbst nicht?
    Diese Menschen wollte ich ansprechen, und für diese sogenannten Ungläubigen waren meine Predigten gedacht. Denn was macht ein Mensch, der in keine Kirche gehen will und sich keinem Glauben zugehörig fühlt, mit seinen drängenden Fragen? Die Fragen sind ja doch da, Glaube hin oder her. Die Fragen, die jeden von uns beschäftigen. Woher kommen wir? Was haben wir zu tun? Wohin gehen wir? Was tun, wenn wir immer an der gleichen Stelle keine Antworten finden?
    Wenn uns klar ist, daß es Kriege gibt, noch und nöcher, daß es Leid gibt, egal in welchem staatlichen Überbau, daß Menschen an Hunger sterben, an Ungerechtigkeit, an brutaler Gewalt. Daß wir selbst schlecht umgehen, mit unseren Kräften, daß wir andere unter uns leiden lassen, wie wir unter anderen leiden. Wenn wir sehen, daß uns die Psychotherapie nicht Antwort auf die Fragen geben kann, die uns am Brennendsten am Herzen liegen? Und daß die Kirchen versagen in ihrer Bemühung um Glaubwürdigkeit? Daß wir nichts und niemandem vertrauen können mit unseren tiefen dunklen Fragen, daß wir selbst an diesen Fragen verbrennen und ohne wirkliche Antworten unser Leben nicht wirklich lebenswert erscheint?
    Weil der Wert dieses Lebens ein solcher Stachel ist, in unserem Menschenfleisch, der nach Rache schreit, nach Bezahlung. Irgendjemand muss doch einmal bezahlen für dieses ganze Dilemma WELT. Irgendjemand muß einmal geradestehen für diese ganzen Ungerechtigkeiten und Schweinereien, für diesen Reichtum und diese Armut. Für dieses Leid und diese Freude. Für diese Mauern und Gefängnisse, und für dieses weite Universum. Für das Lachen und die Verzweiflung. Wer nimmt es auf sich, wer steht dafür ein? Wer gibt sich dafür her?
    Und hier, liebe Freunde, setzt Ihr an, mit Eurem Mut, Euch nicht in eine Religion zu flüchten. Mit Eurem Tatendrang, die Verantwortung für diese Eure Welt nicht einem Erlöser zu übergeben, sondern Euch Selbst verantwortlich zu zeigen, Eure Wirklichkeit hier und jetzt Selbst zu erschaffen.  Dafür danke ich Euch. Dafür danken Euch alle Gläubigen. Daß Ihr die Bereitschaft habt, diese Eure Welt als Euer Eigentum anzusehen, und so mit ihr zu verfahren, wie Ihr es eben tut, mit Eurem höchsten Gut, mit dem, was Ihr am meisten liebt, und was in der Mitte Eures Herzens lebt: EURE WELT. Jeder von uns erschafft sie in jedem Augenblick neu, als seine eigene wunderbare Welt. Ein wunderbares, lebendes Wesen Welt, das wie Euer Kind Euer Bestes und Schönstes ist. Das habt Ihr für die Welt getan. Für Eure und für meine. Für die Welt aller Menschen, denn es gibt nur diese Eine. Und die ist für alle.
    Seid weiter behutsam. Liebt sie. Vergeht an Eurer Liebe und geht einen Schritt weiter. Erkennt, daß es Eure tiefste unglückliche Liebe ist, die Liebe zur Welt. Dann liebt Euch für Euer Unglücklichsein, erkennt Eure Liebe darin, die zwar verletzt ist, wie von einem undankbaren Liebhaber verletzt, aber erkennt in dieser Verletztheit Eure tiefe Weltliebe. Liebt sie immer weiter und mehr und tut es jetzt. Und für alle Zeiten.
    Die Antworten kann ich Euch nicht geben. Ich sage Euch den Weg. Der Weg führt über die bedingungslose Liebe. Zur Welt und somit zu sich selbst. Die Antworten kann ich nicht geben, weil es so viele Antworten wie Wesen gibt. Wer den Weg der Liebe geht, wird seine Antworten erfahren. Egal, welcher Religion er angehört. Das ist die gute Nachricht.
    Ich danke Euch. Im Namen meiner Welt und der Welt aller Wesen.