Porträt Arthur Heilmann

21.09.1997

Trennung

von Arthur Heilmann

Die Sonntagspredigt vom 21. September 1997

Arthur Heilmann (Theologe):

                Kein Wesen kann zu nichts zerfallen,
                Das E`wge regt sich fort in allen,
                Am Sein erhalte dich beglückt!
                Das Sein ist ewig, denn Gesetze
                Bewahren die lebend`gen Schätze
                Aus welchen sich das All geschmückt...
                    ( J.W.Goethe )
                Wir sind Ausgeschlossene
                von Geburt
                Und jedes schliesst jeden aus
                Deshalb umarmen wir einander
                Umarmung schliesst alle aus
                außer einem
                    ( Reiner Kunze )
Trennung

Liebe Freunde,

Wenn wir " Trennung " sagen, fühlen wir etwas Hartes. Etwas Gespaltenes. Eine Spaltung, wie mit einer Axt. Etwas, das geteilt wird, und weh tut. Scheiden tut weh. Ein Abschied ist ein Verlust. Eine Trennung beendet etwas, bringt etwas auseinander, das zusammen war, ganz war. Ein Stück springt ab, und ein Loch bleibt zurück, eine Wunde. Sie verharzt, vernarbt bis zur Unsichtbarkeit. Aber der Akt der Spaltung, der Trennung, ist geschehen. Unwiderruflich.

Man muss Verluste hinnehmen. Sagt unser Verstand. Ein guter Verlierer sein. Das Gesicht wahren. Den Verlust mit Würde tragen. Sagen wir uns. Wir müssen es annehmen, das Unerträgliche, das Getrennte hinnehmen, erdulden, erleiden, durchmachen, er - tragen.

Aber was ist mit unserem Schmerz? Diesem steinharten, entsetzlichen Liebes - Kummer, der keinen Trost kennt, keine Entschädigung will? ...Ich weiß, dass ich da mittenhindurch muss...sagt eine junge Mutter, deren Kind ertrunken ist...Das ist es mir wert. Das soll mir mein Sohn wert sein, dass ich durch den Schmerz hindurchgehe wie durch ein Messer. Sonst habe ich das Gefühl, dass er tot ist in mir. Durch das Erleben des Schmerzes bin ich verbunden...

Wir verlieren Menschen nicht nur durch den Tod, sondern auch, wenn wir sie verlassen, oder von ihnen verlassen werden. Und Verluste in unserem Leben sind nicht nur Trennungen und Abschiede von denen, die wir lieben, sondern auch Verluste von Träumen, Erwartungen, Illusionen der Sicherheit - und der Verlust unseres eigenen, jüngeren Ichs, das glaubte, für alle Zeiten jung und dynamisch zu sein, und über dessen Sterblichkeit wir uns nie Gedanken gemacht haben.

Wir werden mit der Tatsache konfrontiert, dass ein Mensch nie ganz alleine uns gehören kann. Dass das, was uns weh tut, nicht immer mit Zärtlichkeit geheilt werden kann. Dass wir ganz auf uns selbst gestellt sind. Dass keine Beziehung makellos ist. Dass unsere Existenz instabil und zeitlich begrenzt ist - und dass wir absolut machtlos sind, uns oder jenen, die wir lieben, Schutz zu bieten gegen die Zeit, den Tod, das Alter und gegen die Verluste.

Trennung lässt Angst entstehen, wenn sie uns droht oder als vorübergehend gilt. Angst enthält einen Funken Hoffnung. Die Tatsache
des unausweichlichen Verlustes selbst löst Verzweiflung aus, und Schutzmaßnahmen...wenn ich nichts mehr fühle, kann ich nicht mehr verletzt werden...(...and a rock feels no pain, and an island never cries...Paul Simon )

Lasst uns die Trennung und ihren ent - scheidenden Wert für uns erkennen und anerkennen! Wir beginnen das Leben mit einem Verlust, wir werden ausgestoßen vom Mutterleib. Das ist unsere erste Trennung. Gleichzeitig verbinden wir uns mit der Erde, der Mutter Erde, dem Hier-Sein im physikalischen Universum. Trennung ist Veränderung.

Lasst uns authentisch sein, bei uns sein, unseren Gefühlen vertrauen, so bitter sie auch sein mögen. Lasst uns mutig mittenhindurch gehen, wie diese junge Mutter, uns nicht abtrennen von unserem Schmerz. Lasst uns unsere Gefühle achten und annehmen, wie unsere Mutter uns angenommen hat, wie wir unser Kind annehmen. Und lasst uns A-Dieux sagen, mit allem, was wir fühlen. A-Dieux - zum Einen, zum Ganzen, ....denn das was uns trennt, ist von derselben Essenz als das, was uns verbindet.